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Programmatisches

„Du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht“– Glauben und Lernen in der jüdischen Tradition

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Die Sentenz im Emblem der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg: „Und du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht“ (WeHagita Bo Jomam WaLaila) stammt aus dem Vers des Josua-Buches: „Nicht weiche dieses Buch der Weisung von deinem Mund, du sollst darüber nachsinnen Tag und Nacht“ (Jos 1,8). Im biblischen Kontext wird damit der Nachfolger von Mose auf dessen „Buch der Weisung“ (Sefer HaTora) eingeschworen. In der rabbinischen Literatur, die gerne militärische in scholastische Tugenden umdeutet, erscheint Josua deshalb auch nicht als Haudegen und Eroberer, sondern als „ewiger Student“ (bMeg 3a). Die Rabbinen haben jedoch den Anspruch, der in diesem Vers steckt, verallgemeinert und ihn zur biblischen Quelle des wichtigsten Gebotes überhaupt erklärt, des Gebotes ununterbrochenen Toralernens (Talmud Tora; Talmud Tora KeNeged Kulan, mPea 1,1, Hilchot Talmud Tora I,8). Jede andere Beschäftigung außerhalb des Torastudiums kam demnach einer Aufhebung der Tora gleich (Bittul Tora) und wurde – und wird – verurteilt und verdammt. Wie sich dieser absolute Lernanspruch mit nichtreligiösem Wissen und Tun, daß man approximativ Derech Erez genannt hat, verträgt, hat schon die Rabbinen beschäftigt, deren Kasuistik im ersten Teil dieses Beitrages besprochen werden soll. In der Moderne mußten jedenfalls Kompromißformeln her und die moderne Repristination der alten Formel: „Tora Im Derech Erez“ ist eine von ihnen.

Mehr: glauben_und_lernen_in_der_juedischen_tradition

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Lamed – Dimensionen Jüdischen Lernens

(zus. mit Dorothea Stein-Krochmalnik)

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1. Das Symbol des Lernens

Das hebräische Verb „lernen“, lamad, beginnt wie das deutsche und jiddische „lernen“ mit dem Laut „l“, der im hebräischen Alphabet mit dem Buchstaben “ל“ (lamed) bezeichnet wird und sich wie folgt schematisieren läßt.

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Der Buchstabenname lamed stammt von der gleichen Wortwurzel lamad ab, nach welcher die Wörter limud oder talmud (Lernen, Studium), limed (lehren), lamdan (Gelehrter), melumad (gelehrt), melamed (Lehrer), melamdut (Unterricht), talmid (Schüler) und lamed (lernend) gebildet werden. Eine findige Deutung der graphischen Form des Lamed hat in der Gestalt des Zeichens den Gehalt der Sache selbst entdeckt und sie als genaues Abbild des dreidimensionalen traditionellen jüdischen Lernbeziehung gelesen. Der senkrechte Strich AB stellt 1. das Lehren als autoritäres Verhältnis vom Gelehrten (talmid chacham, lamdan, melamed) zum Schüler (talmid) dar. Der waagerechte Strich BC symbolisiert 2. das gemeinsame Studieren (chawruta) als egalitäre Beziehung der Kollegen (chawerim). Eine Mischform beider Verhältnisse ist die Beziehung des Gelehrten zu einem Meisterschüler (Talmid Chawer). Der schräge Strich CD repräsentiert schließlich 3. das Lernen der nächsten Schülergeneration und man kann in der Abweichung von der Geraden AD eine Andeutung dafür sehen, dass Tradition nicht als reibungsloser Transport von Wertgut gedacht ist, sondern als gebrochene Linie, als Umweg, der hier freilich die Linie der Tradition AD nie überschreitet. In einer anderen Hinsicht ist die Horizonterweiterung freilich erwünscht – und auch das kann man aus der Schreibweise des Lamed herauslesen. Die Buchstaben stehen in der Torarolle nicht auf der unteren, sondern hängen an der oberen Zeile. Der einzige Buchstabe, der diese Horizontale überschreitet, ist justament das Lamed und deutet damit vielleicht an, dass das Lernen immer die geistige Grenzüberschreitung des „Buchstabens“ verlangt. Die Lerntradition insgesamt kann man sich im Prinzip als eine Kette von solchen Lameds vorstellen, an deren Spitze der göttliche „Pädagog“ (G. E. Lessing) bzw. „Moses, unser Lehrer“ (Moshe Rabbenu) steht.

Mehr: lamed

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Was ist Jüdische Philosophie?

Wir sind heute weiter denn je von einer allgemeinen Definition des Phänomens „Jüdische Philosophie“ entfernt. Es wird aber nicht bezweifelt, daß es sich um ein synkretistisches Phänomen handelt, nicht um ein genuin jüdisches Erzeugnis, sondern um ein Produkt des Judentums und der griechischen Philosophie und ihrer Renaissancen, erst in der hellenistischen, dann in der arabischen und schließlich der germanischen Welt. Obwohl die griechische Philosophie erst in ihrer arabischen, d. h. monotheistischen Form ins Mark des rabbinischen Judentums vordrang, ist die Reflexion über die jüdische Philosophie vorzugsweise anhand der ursprünglichen Begegnung von Judentum und Griechentum thematisiert worden.

Mehr: was_ist_juedische_philosophie1

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